Was wächst denn da? Auf Kräutersuche in der Soester-Innenstadt

SOEST
Vor unserer Haustür wachsen mehr Natur- und Heilkräuter als man denkt. Wer seinen Blick dafür schärfen will, dem empfehle ich eine Kräuterwanderung mitzumachen. Ich habe mich dafür Ende August bei der Evangelischen Frauenhilfe in Westfalen e.V. angemeldet, die u.a. solche Touren in ihrem Programm hat. In einer kleinen Gruppe haben wir uns mit der Expertin Barbara Klein auf eine Entdeckungstour im Soester Westen begeben. Wir waren erstaunt, wie viele Kräuter am Wegesrand stehen.
Dieser Blog-Artikel gibt einen Überblick, welche Pflanzen und Kräutern wir am Feldmühlenweg, am Soestbach und an der Werkstraße hinter der Bahntrasse entdeckt haben. Im Anschluss haben wir selbst Rotöl aus Johanniskraut hergestellt – unter fachkundiger Anleitung. Das empfehle ich sowieso jedem, der sich gar nicht oder wenig mit Pflanzen auskennt. Bei der Verarbeitung von Heilkräutern kann man viel falsch machen. Daher gilt bei Kräutern wie bei Pilzen: im Zweifel lieber lassen statt machen!
Zugegeben, die Kräuterwanderung war mehr ein Stop-and-Go als eine Wanderung. Für einen Kilometer haben wir zwei Stunden gebraucht. Doch anders hätten wir die Natur- und Arzneikräuter nicht entdecken, anfassen, pflücken und untersuchen können. Außerdem haben wir über die Kräuter viel von unserer Kräuterfachfrau, Barbara Klein, erfahren. Einige Geschichten rund um die Arzneiherstellung mit Kräutern im Mittelalter waren auch dabei. Aufgrund der giftigen Protagonisten hatten die Erzählungen nicht immer ein gutes Ende.
[Hinweis: Dieser Blog hat nicht den Anspruch, Expertenwissen über das Thema Natur- und Heilkräuter zu verbreiten. Dazu gibt es ausführliche Internetseiten und sehr gute Fachbücher. Hier liegt der Fokus auf dem, was in Soest und der Börde wächst, um unseren Blick dafür (wieder) zu schärfen. Im Laufe der Jahrzehnte ist vielen Menschen der Bezug zur Natur abhandengekommen. Dem möchte dieser Blog ein kleines Stück entgegenwirken. Tipps für gute Internetseiten zum Thema gibt es am Ende dieses Blog-Artikels. Dabei sind auch Anleitungen, wie man die Kräuter als Heilkräuter verarbeitet und anwendet.]
Grün – Gelb – weiß – blau: Die Soester Kräuterlandschaft ist bunt
Unsere Entdeckungen auf der Route Feldmühlenweg – Soestbach – Hammer Straße – Katroper Weg – Werkstraße und zurück:
- Wegwarte
- Schafgarbe
- Goldrute
- Nachtkerze
- Spitzwegerich
- Salbei – Borretsch – Lavendel
- Ackerschachtelhalm
- Echte Kamille
- Johanniskraut (>Herstellung Rotöl)
- Gemeiner Odermennig
- Wilde Möhre
- Brennnessel
- Eisenkraut
- Rainfarn
- Rotklee
VOR DER FRAUENHILFE AM FELDMÜHLENWEG
WEGWARTE (Auch zichorie)
Schafgarbe (auch Katzenkraut oder Tausendblatt)
Goldrute (auch Petrusstab oder Wundkraut)
Nachtkerze (auch Nacht- oder Abendblume)
Spitz- und Breitwegerich (auch Heil- oder Wundwegerich)
Der Wegerich ist ‚der König der Wege‘, trittfest, damit äußerst robust und als Heilpflanze seit der Antike im Einsatz. Vor allem steht er praktischerweise dort, wo man ihn als Wanderer oder Pilger benötigt, am Wegrand: Der Saft seiner zerquetschten Blätter hilft als Wundauflage bei gelaufenen Blasen, bei juckenden Insektenstichen oder Sonnenbrand. Am häufigsten wird er als Tee, Saft oder Sirup gegen Husten und Heiserkeit, Bronchitis oder Mund- und Halsentzündungen eingesetzt. Der Spitzwegerich war 2014 Arzneipflanze des Jahres.
Trotz seines giftigen Verwandten, dem Fingerhut, sind Wegeriche auch essbar. Aufgrund seines hohen Vitamin-C-Gehalts eignet er sich für Wildkräutersalat, Kräuterquark, Pesto oder Smoothies.
Feldmühlenweg/ Ecke Schwemeckerweg
SALBEI (Foto unten, links)
BORRETSCH (AUCH GURKENKRAUT – FOTO UNTEN, MITTE)
Er hat gewissermaßen Haare auf den Zähnen bzw. seinen Blättern. Das hält Bienen nicht davon ab, den Borretsch zu lieben. Denn er produziert viel Zucker und ist daher für die Honigproduzentinnen ein Festmahl. Für den Menschen schmeckt er nicht süß, sondern – wie sein anderer Name ‚Gurkenkraut‘ sagt, nach Gurke. Der Borretsch ist in der Küche gut, jedoch aufgrund seiner möglicherweise leberschädigenden Bestandteile, dosiert zu gebrauchen – ob als Salat, auf dem Brot, mit Tomate oder als einer von sieben Ensemble-Mitgliedern der berühmten Frankfurter Sauce. Seine rosé blauen Blüten sind ebenfalls essbar und werden gerne für die Dekoration auf dem Teller oder kandiert in Süßspeisen verwendet. Als Heilpflanze kommt der Borretsch bei Hautproblemen zum Einsatz.
Lavendel (Foto unten rechts)
Ackerschachtelhalm (Auch Zinnkraut oder Pferdeschwanz)
FELDMÜHLENWEG/ AM SOESTBACH
Echte Kamille
Jeder kennt die Kamille: als Pflanze, als Tee, Tinktur, Sitzbad, Spray oder Creme. Sie ist das bekannteste Wildkraut. 2002 wurde sie zur Heilpflanze des Jahres erklärt. Zuvor war sie 1987 Arzneipflanze des Jahres. Ein Star unter den Kräutern ist sie bereits seit Jahrhunderten. Professionell angebaut wird sie in Argentinien, Ägypten, Ungarn und Bulgarien.
In der Natur die Echte Kamille von der ‚Falschen‘ zu unterscheiden, ist gar nicht so einfach. Die Echte Kamille duftet stark nach Kamille, die andere fast gar nicht. Die Echte wird 15 – 50 Zentimeter hoch, die andere höher. Die Echte hat recht kleine Blüten, die nach der Befruchtung nach unten hängen. Der Körbchenboden in der Mitte ist erst flach, wölbt sich dann stark nach oben und ist hohl. Die anderen Kamillearten haben oftmals größere Blüten und einen flachen Körbchenboden, der gefüllt ist. Die Verwechselungsgefahr ist für Laien groß. Experten sezieren die Blüte und schauen nach dem Hohlraum unter dem Blütenkörbchen.
Ihre Doppelgänger wie Hundskamille, Strandkamille oder Geruchlose Kamille können der Echten noch so ähnlich sein; sie können ihr nicht das Wasser reichen. Ihre chemische Zusammensetzung ist eine ganz andere. Die heilenden Bestandteile, bspw. die ätherischen Öle, sind in den „Falschen“ nicht enthalten. Die Echte Kamille ist und bleibt die Heilpflanze schlechthin gegen Erkältungskrankheiten, bei Margen- und Darmproblemen oder Hautkrankheiten. Ihre Blüten sind essbar und kommen in Wildkräutersalaten, Süßspeisen oder zur Dekoration in der Küche zum Einsatz.
Johanniskraut (auch Wundkraut)
Ein weiterer Star am Kräuterhimmel ist das Johanniskraut. Es heißt so, weil es um den Johannistag (24. Juni) bis in den Oktober hinein blüht. Es ist Heilkraut seit der Antike und war 2015 Arzneipflanze des Jahres. Das Johanniskraut ist bekannt als Öllieferant. Wir haben (siehe Fotos unten) daraus Rotöl hergestellt. Es soll gegen Verstauchungen, Muskel- und Gelenkschmerzen oder Sonnenbrand helfen, weil es entzündungshemmende und schmerzlindernde Bestandteile enthält. Wer sich selbst an die Rotöl-Herstellung machen will, findet auf der Internetseite bei kräuterbuch.de ein Rezept.
Verwechslungsgefahr besteht mit dem Jakobskreuzkraut. Dieses ist hochgiftig! Wenn Pferde und Rinder, aber auch Schafe und Ziegen, auf der Wiese oder über Heu und Silage zu viel davon fressen, führt das zu einer Lebervergiftung. Die Landwirtschaftskammer hat detaillierte Informationen dazu auf ihrer Internetseite.
Gemeiner Odermennig (auch Ackerkraut oder Magenkraut, Foto unten links)
Wilde Möhre (Foto unten Mitte und Rechts)
WERKSTRASSE (HINTER BAHNTRASSE)
Brennnessel
Ihre berüchtigten Haare brennen auf der Haut wie Feuer und bilden rote Quaddeln, wenn man sich mit ihnen anlegt. Das ist die Ameisensäure, die in den Blättern und Stängeln der Brennnessel sitzt. Gartenfreunde mögen sie nicht, weil sie immer gleich im Rudel daherkommt, über 3 Meter werden kann und ihre Wurzeln sich so in der Fläche ausbreiten, dass man sie nur schwer wieder loswird. Wo Brennnesseln wachsen, ist der Boden stickstoffreich und muss nicht weiter gedüngt werden. Das Kraut mag es nämlich anspruchsvoll und wächst nur auf nährstoffreichen, leicht feuchten Böden.
Als Unkraut verpönt, wird es seinem Nutzen nicht gerecht. Insekten lieben es, und die Brennnessel ist vielseitig als Heil- und Küchenkraut einzusetzen. Gegen Frühjahrsmüdigkeit als Suppe soll sie helfen und richtig zubereitet gut schmecken. Sie taugt auch als Alternative zu Spinat oder als Basilikum-Ersatz im Pesto. Der Vorteil ist, dass sie durch den Kochvorgang nicht mehr brennt und daher in der Speiseröhre oder im Magen keinen Schaden anrichtet. Im Gegenteil: Brennnesseln erhalten viel Vitamin C, Calcium, Magnesium, Eisen und Eiweiß. Die Pflanze wird heute gerne bei Harn- und Nierenbeschwerden, Reizblase oder Prostatabeschwerden eingesetzt, weil sie den Stoffwechsel anregt, harntreibend wirkt sowie entzündungshemmend und schmerzlindernd ist. In der Homöopathie wird sie bei Hautproblemen verwendet.
Eisenkraut (auch Verbene)
RAINFARN (AUCH WURMKRAUT)
Für bestäubende Insekten sind die Blüten des Rainfarns ein Festschmaus. Wenn jedoch der Mensch zu viel von den ätherischen Ölen abbekommt, sind Haut- und Atemweg-Reizungen und leichte Vergiftungen sicher. Der Rainfarn spielt deshalb in der Küche keine Rolle mehr und wird durch andere Kräuter ersetzt. Die eigene Verarbeitung ist sogar untersagt, weil die hohen Anteile des giftigen Thujons zu gefährlich sind. Als Pflanzenschutzmittel gegen Blattläuse, Weiße Fliegen oder andere lästige Schädlinge ist ein Sud aus Rainfarn dagegen gut geeignet. Ein Rezept dazu findet man bei Kräuterbuch (siehe Link am Ende des Beitrags).
HAMMER STRASSE (ALTE UNTERFÜHRUNG)
Rotklee (auch Wiesenklee)
ANDERES GRÜN AM WEG
LEIBSEELEKÜCHE (GEBÄUDE AUF DEM GELÄNDE AM FELDMÜHLEN WEG)
Herstellung von Rotöl aus Johanniskraut
Bördeliebe-Tipp: Gute Internetseiten über Kräuter
- Kräuter-Buch: Das Online-Kräuterbuch von A bis Z
- Mit Liebe gemacht von Doris Kern, Österreich
- Eunike Grahofer, Naturpädagogin mit Kräuterblog, Österreich
- NDR-Bericht: Wildkräuter erkennen, sammeln und zubereiten – 4 Minuten
(Der NDR hat eine ganze Reihe an Beiträgen und Podcast zu dem Thema (>NDR.de/ratgeber/garten) - Landapotheke, Zeitschrift und Online-News über Kräuter
Es gibt viele tolle Webseiten und Bücher über Kräuter. Schickt mir gerne eure Tipps.
Bildquellen (eigene Fotos nur in Kombination mit externen Quellen genannt))
- wegwarte: bilder: pixabay
- schafgarbe: bilder: boerdeliebe, pixabay
- goldrute: bilder: bördeliebe, pixabay
- nachtkerze: bilder: boerdeliebe, pixabay
- spitzwegerich: bilder: boerdeliebe, 2 x pixabay
- salbei_borretsch_lavendel: bilder: boerdeliebe, pixabay
- echte_kamille: bilder: boerdeliebe, pixabay
- johanniskraut: bilder: boerdeliebe, pixabay
- brennnessel: bilder: boederliebe, pixabay
- eisenkraut: bilder: bördeliebe, pixabay
- rotklee: bilder: pixabay, boerdeliebe
- bumblebee-1200×630: Bild: Pixabay
